Wednesday, September 25, 2013

Vitamin A wie Angst


Kann gentechnisch veränderter Reis Millionen Menschen retten? Eine 3Sat-Doku sät erneut Zweifel angesichts fragwürdiger Testverfahren und undurchsichtiger Machtverteilungen. Die Saat geht auf.



Ingo Potrykus hat es sicher nur gut gemeint. Als der Züricher Biologie-Professor und sein Freiburger Kollege Peter Beyer den „Golden Rice“ erfanden – Reis, der auf Grund gentechnischer Veränderungen das Provitamin A enthält –, wollten sie Menschen in den Entwicklungsländern dieser Welt etwas Gutes tun. Wollten mit einfachen Mitteln Hunger stillen und Krankheiten verhindern. Es kam anders.


Die „Golden Rice“-Affäre


Heute, gut 20 Jahre nach den ersten Forschungserfolgen, steht der Goldene Reis angeblich kurz vor seiner Markteinführung auf den Philippinen und in Bangladesh. Ländern, in denen eine Unterversorgung der armen Bevölkerung mit Betacarotin (Provitamin A) nicht unbedingt das Hauptproblem ist – glaubt man der 3Sat-Doku „Der Wunderreis“. Doch nach der Sendung fragt man sich vor allem, wem man in der „Golden Rice“-Affäre überhaupt noch glauben soll.


Zu viele Hände im Brei


Unermüdlich, doch leider nicht erschöpfend versucht das Doku-Team, die vielen verwickelten Interessen im Streit um den Wunderreis zu entwirren. Sie fragen, ermitteln, klopfen an verschlossenen Türen. Welche Rolle spielt etwa Syngenta, jene Firma, an die Potrykus und Beyer das Reis-Patent verkauften? Und wie ist die nicht nur finanzielle Einmischung der Bill Gates-Foundation zu bewerten? Welche Interessen verfolgt das International Rice Research Institute (IRRI), und was beabsichtigt PhilRice, das philippinische Reisinstitut? Allzu viele Köche rühren mit in diesem angeblich so gesunden Reisbrei.




Da ist jene US-Studie, die an chinesischen Grundschülern den goldenen Wunderreis testete – angeblich ohne die Eltern und Schüler ausreichend zu informieren. „Wer aufaß, bekam Farbstifte und Hefte“, erzählt eines der Kinder. Und da war diese andere Studie, die womöglich darauf hindeutet, dass gentechnisch veränderter Reis bei Ratten die Wahrscheinlichkeit von Tumorbildung erhöhte.


Und da ist die philippinische Insel Bohol, die als Krisengebiet in Sachen Vitamin-A-Versorgung gilt – doch die Bewohner haben längst Pflanzen in den Speiseplan eingebaut, mit deren Hilfe sich das Provitamin-Problem ganz ohne Gentechnik lösen lässt. „Probieren Sie diesen schwarzen Reis“, fordert einer der Reisbauern das Filmteam auf: „Der enthält von Natur aus viel Provitamin A!“ Wozu wurde ein Reis im Reagenzglas entwickelt, den die Natur längst schon erfunden hatte?


Zaghafter Fingerzeig


Die Doku spricht es nie wirklich aus, doch zwischen den Zeilen klingt durch: Hier besteht der Verdacht, dass Entwicklungsländer zum ganz großen Testgebiet für gentechnisch veränderte Lebensmittel gemacht werden sollen – um diese schließlich den reichen Industrienationen schmackhaft zu machen. Doch was ist eine Doku wert, die nur zaghaft antippt, wo ein deutlicher Fingerzeig angebracht wäre?


Biologe Potrykus ist zum Schluss als desillusionierter älterer Herr zu sehen, der verzweifelt an seiner Vision vom rettenden Reis festhalten will. „Ich bin 79 Jahre alt“, sagt er und fragt sich, ob er noch lange genug leben wird, um dieses Wunder zu erleben. In seiner Hand zumindest liegt all das nicht mehr.



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